Getreu unserem ganzheitlichen Ansatz beschäftigt sich diese Artikelserie mit allen Aspekten der Web Performance auf mobilen Endgeräten. Im ersten Teil geht es um die geschäftliche Relevanz des Themas und warum Web Performance einen erheblichen Einfluss auf die User Experience hat.

Zwei weitere Teile sind bereits geplant: Teil 2 beschäftigt sich mit den technischen Besonderheiten des mobilen Surfens. Teil 3 gibt Tipps zum kontinuierlichen Messen der Performance unter anderem mit dem zurzeit viel diskutierten RUM-Ansatz.

Warten ist eine Belastung

Schlechte Performance ist ein Conversion Killer

Wie negativ sich langsam ladende Webseiten auf die Benutzerakzeptanz auswirken, ist durch verschiedene Studien und Erfahrungsberichte hinlänglich belegt:

  • Google [1] und Microsoft [2] haben in Experimenten mit verzögerten Antwortzeiten nachgewiesen, dass schon wenige 100ms einen signifikanten Abfall in der Nutzung Ihrer Suche verursachen.
  • Eine Verringerung der durchschnittlichen Seitenladezeit von 6s auf 1,5 s brachte Shopzilla 2009 [3] eine Erhöhung der Konversionsraten zwischen 7% und 12%.
  • Amazon verliert laut Greg Linden durch 100ms Verzögerung 1% seines Umsatzes.

Nicht überraschend haben auch Nutzer mit mobilen Endgeräten hohe Erwartungen an die Performance von Webseiten:

  • Laut einer Umfrage [4] von Keynote erwarten zwei Drittel aller Smartphone Nutzer Ladezeiten von unter 4 Sekunden. Zu langsam ladende Webseiten sind der am häufigsten genannte Frustrationsfaktor.
  • Bei einer Studie zur Smartphonenutzung [5] von 2012, die gemeinsam von Google, der Otto Group, tns infratest und dem Trendbüro durchgeführt wurde, beklagten sich 37% der Smartphone-Nutzer über langsame Datenübertragung.
  • In Googles aktueller Ausgabe der Studie “Unser mobiler Planet” [6] nennen 21% der Befragten “Öffnen der Website dauert zu lang” als Grund dafür, nicht (per mobile Device) im Internet einzukaufen.

Unser Handeln folgt einem Rhythmus

Sind heutige Internetnutzer besonders ungeduldig oder gibt es tiefer liegende Gründe für die negativen Reaktionen auf lange Ladezeiten?

Betrachtet man im Detail, wie wir komplexe Handlungen ausführen, so stellen sich diese als eine Abfolge von Reizen und Aktionen dar. Wenn der Zimmermann einen Nagel einschlägt, erhält er bei jedem Schlag seines Hammers einen sofortigen Eindruck vom Fortschritt und Erfolg seiner Handlung. Je nachdem wie Hammer, Nagel und Holz zusammenspielen, kann er seine nächsten Schläge korrigieren. Ist der Nagel vollständig versunken, kann der Zimmermann ohne Verzögerung den nächsten Teil seiner Arbeit beginnen.

So lieben wir unsere Arbeit: Hämmern ist verzögerungsfrei

So lieben wir unsere Arbeit: Hämmern ist verzögerungsfrei

Stellen Sie sich vor, der gleiche Zimmermann müsste nun einen einen virtuellen Hammer schwingen. Einige Sekunden nachdem er seine Bewegung beendet hat, wird der Nagel auf dem Bildschirm getreu seines Schwungs tiefer ins Holz getrieben. Erst dann kann er seinen nächsten Schlag ausführen. Wie wird der Zimmermann die Wartezeit zwischen Hammerschlag und Reaktion des Nagels empfinden?

Unsere Wahrnehmung kann Reize ab einer Länge von 100ms unterscheiden. Bei einem Klick auf einen Button, der unterhalb von 100ms ein Feedback auslöst, wird die ausgelöste Aktion als “unmittelbar” wahrgenommen.

Kurze Verzögerungen (unter einer Sekunde) werden zwar registriert, führen aber noch nicht zu einem Bruch im Rhythmus von Wahrnehmung und Aktion. Ist eine Wartezeit aber deutlich länger als eine Sekunde, beginnen unsere Gedanken zu wandern, andere Erinnerungen und Eindrücke treten an die Stelle der aktuellen Absicht, der “Rhythmus” wird zerstört.

Ein Spiel, das einen virtuellen Hammer simuliert, muss also innerhalb von 100ms (entspricht 0,1 Sekunde) auf die Schwungbewegung reagieren, um die Illusion des virtuellen Erlebnisraums aufrecht zu erhalten.

Ein Bestellbutton für den Hammer in einem Online Shop sollte nach wenigen Sekunden ein Ergebnis liefern, sonst bedeutet die Weiterverfolgung der Kaufabsicht erheblichen kognitiven Stress für den Kunden.

Eine Heuristik für die menschliche Wahrnehmung

Basierend auf Erkenntnissen aus der Wahrnehmungspsychologie definierte Usability-Altvater Jakob Nielsen schon 1993 (siehe [7] und [8]) drei wesentliche Zeitintervalle für die Wahrnehmung von Reaktionszeiten einer Webseite:

  • bis 0,1 Sekunden: Keine spürbare Verzögerung. Meine Aktionen haben unmittelbare Auswirkungen.

  • bis 1 Sekunde: Verzögerung ist spürbar, aber mein Arbeitsfluss wird nicht gestört.

  • bis 10 Sekunden: Der Nutzer muss warten und dabei aktiv seine Konzentration aufrecht erhalten.

Nach 10 Sekunden fällt die Konzentration auf die Aufgabe schwer. Nutzer beginnen sich mit anderen Dingen zu beschäftigen. Wer kann, wird je nach bereits investierter Mühe Alternativen (z.B. Konkurrenzangebote) in Betracht ziehen.

In einer Studie von 2010 [9] wird die Mehrbelastung der Nutzer durch langsame Webanwendungen nachgewiesen und konkret quantifiziert.

Ladesonnen und Teillieferungen

Eine Strategie, diesem Effekt entgegenzuwirken und den Nutzer “bei der Stange zu halten”, ist die Anzeige neuer Informationen, schon bevor das Ergebnis der letzten Aktion des Benutzers vorliegt. Im einfachsten Fall wird bei längeren Wartezeiten eine “Ladesonne” (oder ein ähnlicher Hinweis auf eine verzögerte Antwort des Systems) angezeigt - generell ein gutes Vorgehen bei mobilen Webseiten, die bei entsprechenden Netzwerkproblemen schon einmal länger für die Auslieferung benötigen können.

Ikea zeigt eine Lademeldung bei Navigation zwischen Seiten.

Ikea zeigt eine Lademeldung bei Navigation zwischen Seiten.

Anmerkung: Zeitnahe Rückmeldungen auf Benutzeraktionen sind noch aus einem anderem Grund wichtig. Dem Nutzer bestätigen sie, dass seine Eingabe vom System wahrgenommen worden ist und er eine adequate Reaktion erwarten kann. Ohne Rückmeldung wird der Nutzer verunsichert, löst ggf. weitere Aktionen aus oder bricht die Nutzung ganz ab.

Das Ringen um die Millisekunden hat viele Webauftritte dazu veranlasst, die Inhalte ihrer Webseiten in einer ausgeklügelten Reihenfolge auszuliefern - und zwar schon bevor die komplette Antwort vom Server formuliert worden ist. Nutzer bekommen so schon erste Elemente der Seite zu sehen, lange bevor die Seite komplett geladen ist. Das hat erheblichen Einfluss auf die User Experience und sollte bei der Bewertung der Performance von Webseiten unbedingt in Betracht gezogen werden (dazu in den weiteren Folgen der Artikelserie mehr). Microsoft hat herausgefunden [2], dass schon eine frühzeitige Anzeige von statischen Elementen wie der Navigationsleiste einen positiven Effekt auf die wahrgenommenen Antwortzeiten haben kann.

Bing-Suche liefert zuerst den Seitenkopf

Die Bing-Suche liefert den statischen Seitenkopf noch bevor die Sucherergebnisse bereit stehen.

Anspruch und Wirklichkeit

Studien wie [4] belegen, dass Nutzer schon deutlich vor der 10-Sekundenmarke, die angesurfte Seite wieder verlassen. Eine Studie von Forrester Research von 2009 [10] benennt gar 2 Sekunden als Erwartungshaltung der Hälfte der befragten Online Kunden, immerhin 40% wollten die Website nach 3 Sekunden Wartezeit ganz aufgeben. Betrachtet man frühere Studien wie die von JupiterResearch von 2006 [7] scheint die Toleranz der Kunden gegenüber langen Antwortzeiten abgenommen zu haben.

Und wie sehen die tatsächlichen Performance Trends im Web aus? Je nach Vorgehen (und Agenda) kommen die Studien zu unterschiedlichen Ergebnissen. Wegen der großen Datenmenge und der Datenerhebung direkt in den Browsern der Kunden kann man den Erkenntnissen des Google Analytics Teams vermutlich am ehesten trauen: In einem Blogartikel vom April 2013 konstatiert das Google Team eine Steigerung der Geschwindigkeit aller getrackten Desktop-Webzugriffe um 5% und aller mobilen Zugriffe sogar um 30% gegenüber dem Vorjahr. Da die Zugriffe über mobile Endgeräte auch solche auf nicht optimierte Webseiten einbeziehen, ist die Verbesserung wahrscheinlich zu einem großen Teil der erhöhten Anzahl von mobil optimierten (teilweise stark reduzierten) Webauftritten geschuldet. Die um 5% verbesserte Antwortzeit von Desktopzugriffen erklärt Web Performance Experte Steven Souders [13] mit der verbesserten Leistung der Webbrowser - nicht mit Optimierungsmaßnahmen an den Webauftritten. Im Gegenteil, die durchschnittliche Menge der übertragenen Daten pro Webseite hat in einem Jahr um gewaltige 28% auf über ein Megabyte zugenommen. - Keine guten Aussichten für Nutzer, die mit ihrem Tablet unterwegs ohne WLAN surfen wollen. Trotz der erwähnten 28% Geschwindigkeitssteigerung werden nur etwa 50% der mobilen Zugriffe in weniger als 4 Sekunden bedient, die durchschnittliche Wartezeit beträgt sogar mehr als 7 Sekunden.

Das Unternehmen Radware - ein Hersteller von Produkten für die Beschleunigung von Webzugriffen - konstatiert für die 2000 reichweitenstärksten eCommerce Seiten der USA sogar einen negativen Trend [14]: Angeblich hat sich die durchschnittliche Ladezeit der Webseiten in einem Jahr um 22% verschlechtert.

Demnächst: Wie schnell kann Mobile und wie misst man das überhaupt?

Der zweite Teil der Artikelserie geht auf die Besonderheiten von mobilen Webzugriffen ein und warum es so schwer ist eine Webseite über Mobilfunktechnik in weniger als einer Sekunde auszuliefern.

Im dritten Teil dreht sich alles, ums Messen: Wie kann ich messen (und überwachen), wie meine Kunden die Ladezeiten meiner mobilen Webseiten tatsächlich erleben?

Quellen und weiterführende Lektüre

Studien und Erfahrungsberichte zu Auswirkungen von Webperformance auf Benutzerakzeptanz und Konversionsrate

[1] Speed Matters for Google Web Search

[2] Velocity Conf 2009, The User and Business Impact of Server Delays, Additional Bytes, and HTTP Chunking in Web Search

[3] Shopzilla Site Redesign – We get what we measure

[4] Keynote 2012 Mobile User Survey

[5] GO SMART 2012: Always-In-Touch

[6] Unser mobiler Planet: Deutschland, Mai 2013

[10] eCommerce Web Site Performance Today, Forrester 2009

[11] Retail Web site performance, Jupiter 2006

Reaktionszeiten von Benutzerschnittstellen aus Sicht der Wahrnehmungspsychologie

[7] Jakob Nielsen’s Alertbox, Response Times: The 3 Important Limits - Siehe auch die Referenzen auf wissenschaftliche Artikel am Ende der Seite.

[8] Jakob Nielsen’s Alertbox, Website Response Times

[9] Web Stress, Foviance 2010

Status und Trend der Web Performance

[12] Is the web getting faster?, Google Analytics Blog, April 2013

[13] How fast are we going now?, Steve Souders, Mai 2013

[14] More new findings: Top ecommerce sites are 22% slower than they were last year, Radware Blog “Web Performance Today”, März 2013

[15] New findings: Typical leading European commerce site takes 7.04 seconds to load, Radware Blog “Web Performance Today”, März 2013


Bildnachweis

Introbild von Garry Knight - http://www.flickr.com/photos/garryknight/5754091661/

Illustration Hämmern von Naval Surface Warriors - http://www.flickr.com/photos/navalsurfaceforces/7048785911/


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